Den Angststreifen gibts nicht nur am Reifen

Wir hatten 2 ½ Tage Zeit für eine kleine Motorradtour. Genug Zeit um das Projekt, Codename „Stifflers Loch“ anzugehen.

Das Wetter war nicht gerade gut angesagt, konnte mich und meinen Kollegen aber nicht von unserer Tour abbringen.

Erst mal ging’s über Oberjoch ans Hahntennjoch. Der Asphalt am Hahntennjoch war früher nicht für seine Qualität bekannt. Beim Hochfahren hatten wir schon einige Rutscher am Hinterrad zu verzeichnen. Vorsicht war geboten. Relativ langsam ging es bergab Richtung Imst.

In einer Spitzkehre hatte mich dann trotz Vorsicht wohl der Übermut gepackt. Meine Fußraste kratzte auf dem Boden. Die Fußraste war schon recht weit eingeklappt, (So tief war ich noch nie.) da verloren meine Reifen die Haftung und meine Maschine rutschte zum Kurvenrand.

Mein Kollege sah mich innerlich schon im Wald verschwinden. Ich setzte zu den zwei Reifenabriebsstreifen auf der Straße noch einen in meine Hose.

Vermutlich ist dank meiner derzeitigen Dreipunktauflage nichts schlimmeres passiert.

Ich drückte mit meinem Fuß gegen die eingeklappte Fußraste und richtete vielleicht somit das Motorrad etwas auf. Vielleicht hätte ich auch auf die andere Fußraste drücken sollen um mehr Druck auf die Reifen zu bekommen. Weniger Geschwindigkeit wäre sicher auch hilfreich gewesen.

  • Motorrad kurz vor dem Hahnntenjoch
  • Tal kurz vor dem Hahnntenjoch

Außer einer ruinierten Unterhose ist aber zum Glück nichts passiert, so konnte es weiter zum Reschenpass gehen.

Zur rechten Zeit am Reschensee angekommen konnte ich ein paar Fotos schießen und einen Ort von meiner To-Do Liste streichen.

Kirchturm am Reschenpass

Kurz bevor wir am Stilfser Joch waren schlugen wir unsere Zelte auf.

Neben uns „zeltete“ ein ca. 30Jähriger Lehrer mit seiner Triumph Thunderbird. Er hatte nur eine Plane und ein Schlafsack dabei. Aus der Plane und seinem Donnervogel basteltet er sich dann sein Zelt.

Wir gingen in die angrenzende Stadt Glurns. Mit ca. 888 Einwohnern nicht sehr Groß. Hier war gerade ein Fest im Gange. Auf dem Dorfplatz spielten Livebands, einige tanzten dazu. Wir holten etwas zu Essen, ein paar Bier und hörten der Musik zu.

Die Mutter aller Alpenpässe

Am nächsten morgen ging es schon recht früh los. Endlich war es so weit. Frisch ausgeschlafen konnten wir endlich das Stilfser Joch angehen.

Er wird gern als die Mutter aller Alpenpässe angepriesen. Mit 48 Kehren auf der Ostrampe ist er nicht unbedingt etwas für Kehrenmuffel.

Ich liebe Spitzkehren. Es sind genau diese langsamen Kurven in die ich meinen Tiger bis zum Fußrastenkontakt rein werfe.

Diese Straße drückt dich schneller den Berg Hoch wie es der Aufzug im Shanghai Tower tun würde. Man muss hier nicht nur Spitzkehrenfest sondern auch schwindelfrei sein.

Den Pass als Mutter aller Alpenpässe zu betiteln finde ich aber dann doch etwas zu hoch gegriffen. Es gibt interessantere und schönere Straßen.

  • Stilfser Joch Motorrad
  • Stilfser Joch Ostrampe
Wohnwagen auf dem Stilfser Joch

Wer hätte denn nicht mal gern einen Campingplatz wie diesen?

Westrampe Stilfser Joch

Die Abfahrt über die Westrampe hat mir Landschaftlich und Fahrerisch besser gefallen

Nachdem ich einen weiteren Ort von meiner To-Do Liste gestrichen hatte, ging es durch einen fast unendlich langen Tunnel zum nächsten Pass. Die Kombination aus Abgasen, den Streifen an der Tunnelwand und dem langweiligem geradeaus fahren mit konstanter Geschwindigkeit wirkte hypnotisierend auf mich. Die Müdigkeit hatte mich schon fast übermannt als endlich der Passo del Mortirolo für die nötige Abwechslung sorgte.

Danach nahmen wir den Passo del Vivione unter die Räder. Dieser Pass wurde zu meinem Lieblingsplatz dieser Tour. Die Straße ist Teilweise nicht mal breit genug für ein Auto + Motorrad. Es kam uns glücklicherweise nichts entgegen und nur ein Auto musste überholt werden.

Nach einem Kaffee auf der Passhöhe hangelten wir uns weiter am Berg entlang und fuhren über den Passo San Marco bis zum See Lago di Mezzola.

  • Blick vom Passo San Marco
  • Kühe auf dem Passo San Marco

Bilder vom Blick vom Passo San Marco

Die Sonne ging gerade unter als wir am See ankamen. Nicht ohne Mutter Erde noch einmal gebührend zu beleuchten.

Wir bauten unsere Zelte auf einem fast vollen Campingplatz auf und wollten den Sieg über das Stilfser Joch in der campingplatzeignen Pizzeria ausklingen lassen.

 

Sonnenuntergang am Lago di Mezzola

Wer saufen kann, kann auch Motorrad fahren!

Wir bestellten uns zu unserem Essen eine 1l Karaffe Wein.

Im Hintergrund war von irgendwo Musik zu vernehmen. Wir brachten in Erfahrung, dass nicht weit weg von uns eine Beachparty statt fand und entschlossen dort später noch vorbeizuschauen.

Schnell war aufgegessen und vor allem leer getrunken. Mein Kollege wollte noch eine weitere Karaffe Wein bestellen. Im Gedanke an den nächsten Tag versuchte ich ihm das auszureden. Unter dem Vorwand aufs Klo zu gehen, ging er kurz weg und kam mit einer weiteren Karaffe Wein zurück. Ich half ihm widerwillig auch diese zu leeren.

Der Wein ballerte gut. Ich hatte für meinen Geschmack schon einen zu viel drin. Mein Kollege hatte immer noch Durst und musste noch mal aufs Klo. Weil ich wusste was seine Absichten waren sagte ich ihm, dass er den nächsten Wein alleine trinken muss.

Ich muss mich ja nicht unbedingt Tot saufen wenn ich am nächsten Tag noch Motorradfahren möchte.

Wie vermutet kam er kurz darauf mit einer nur noch halb so großen Karaffe.

Sein Körper hatte wohl auch Grenzen, denn es ging nicht mehr alles in ihn rein. Der Schwabe in mir, der normal den Teller immer leer ist trank nun eben die Karaffe vollends leer. Wie selbstlos.

Danach zogen wir los um den Ursprung der Musik ausfindig zu machen.

Weit mussten wir nicht laufen. Wir sollten Eintritt bezahlen, dafür gäbe es dann einen Cocktail gratis und eine Schaumparty wäre auch vor Ort. Ich witterte Gefahr und versuchte zu verhandeln. Weniger Eintrittsgeld, dafür keinen Cocktail.

Das Mädchen an der Kasse verstand den Ernst der Lage nicht und gab uns jeweils zwei Cocktailgutscheine.

Gewissen gegen Schwabe…

Wir holten uns unseren ersten Cocktail und machten uns auf ins Schaumbad. Mein Kollege lies zum Glück seinen Cocktail gleich Fallen und ich merkte schnell das Cocktails und Seifenschaum nicht so recht harmonieren.

Wir gingen rüber zum Strand und ich nahm ein angenehmes Bad. Kurz darauf kam einer von der Security und winkte mich wieder aus dem Wasser. Er drückte mir meine Klamotten in die Hand und sagte es sei verboten hier zu schwimmen.

Da eh schon alles zu spät war, war jetzt Zeit für Cocktail Nummer zwei. Dann …[Zensur]

Die Bestrafung!

Als ich am nächsten Morgen zum Zelt herausschaute hatte mein Kollege schon sein Zelt abgebaut und alles auf seinem Motorrad verstaut. Respekt dachte ich, er sah besser aus wie ich es letzten Abend vermutet hätte.

Er zeigte besorgt auf eine schwarze Wand im Norden und sagte , wir müssen los! Eine Fette Regenwand kaum uns entgegen. Da mussten wir durch. Außenrum ging nicht. Ich fragte ob wir das nicht im Zelt abwarten sollten aber seins war ja schon abgebaut. Mit Besserung war auch wirklich nicht zu rechnen.

Ich verstaute schnell mein Zeug auf meinem Tiger und rüstete mich mit meiner Regenjacke und den dicken Winterhandschuhen gegen den Regen.

Mit der Schwarzen Wand im blick kam es mir so vor als würde ich mich für den bevorstehenden Kampf rüsten. Wie ein Ritter der in die Schlacht zog.

Fertig gerüstet ritten wir los. Die Anspannung stieg. Immer näher kam der Feind vor uns schlugen dicke Wassertropfen ein. Sekunden später prasselte es auf uns herunter.

Doch meine Rüstung war der Aufgabe gewachsen und ich schrie ZEUS!? ZEUS, IST DAS ALLES? Und Zeus antwortete mit Hagel. Nadelstiche durchbohrten meine Rüstung. Hammerschläge knallten auf meine Hände. Mein Helm ächzte. Weit und breit war keine Deckung in Sicht. An Rückzug war nicht zu denken.

Die Einzige Option, der Weg nach vorn. Wir waren bereit alles zu geben.

Als der Hagel nachließ schrie ich noch mal gen Himmel, WAR DAS SCHON ALLES?

Der Regen prasselte weiter unaufhaltbar auf uns herab. Kurz bevor der Anstieg zum Splügenpass begann übertrieb Zeus dann noch einmal ordentlich.

Wasser lief von allen Seiten den Berg herab, Wasserfontänen kamen aus der Kanalisation und es viel weiterhin Wasser vom Himmel.

Durch die Straßen des kleinen Örtchens, durch das wir fuhren, floss ein Kniehoher reisender Fluss.

Ich hatte meinen Spaß daran mich durch die Straßen zu kämpfen und fing an zu grinsen. Mein Kollege hingegen bekam nasse Füße, bei ihm hielt sich die Freude auf die Flussdurchfahrt in Grenzen. Trotzdem kämpften wir uns tapfer durch den Ort.

Als wir über den Splügenpass waren, war der ganze Spuk vorbei. Die Schlacht war geschlagen.

Wir fuhren ein Stück auf der langweiligen A13 mit konstanter Geschwindigkeit gen Norden. Ab und an lässt diese Straße erahnen was man hier verpasst. Danach trennten sich unsere Wege.

Mein Kollege war nach eigenen Angaben kurz davor gewesen in seinen Helm zu kotzen. Seine nassen Füße, die daraus resultierende Kälte und der übermäßige Konsum des letzten Tages raubten ihm die Kraft. Er war besiegt.

Motiviert von den trockenen Verhältnissen wollte ich noch ein paar Pässe hoch ballern.

Dabei fuhr ich depp wieder direkt in den Regen. Mehr rutschend wie fahrend schruppte ich noch ein paar Pässe. Nach fünf Stunden Dauerregen verließ auch mich die Kraft. Der letzte Abend hatte auch bei mir seine Spuren hinterlassen. Nun war auch ich besiegt.

An einer großen Tankstelle macht ich Rast. Ich aß etwas, trank einen Kaffee und wartete zwei Stunden den Regen ab. Zwei Stunden in denen ich mit dem schlaf zu kämpften hatte. Ich wollte nicht in der Tankstelle am Tisch wegpennen, doch der Regen wollte nicht enden.

Ich hatte nicht mehr viel Zeit und musste los. Ab nach hause. Wieder raus in Regen.

  • Triumph Tiger 800
  • Triumph Tiger 800
  • Triumph Tiger 800
  • Tiefe Wolken im Wald

Ein paar Autofahrer hielten kurz an um sich den überlaufenen Fluss anzuschauen. Doch wer im trockenen sitzt geht nicht gern raus.